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Seit dem 8. Mai 2006 ist in Berlin die Stelle kenntlich, an der die Maschinenfabrik "Otto Lilienthal" von 1883 an ihren Sitz hatte und neben Dampfmaschinen und -kesseln auch den "Normalsegelapparat" in Serie baute.

Lilienthal-Denkmal, Berlin, Köpenicker Straße; Foto: Runge

Das Denkmal ist Ergebnis einer Initiative des Berlin-Brandenburgischen Luftfahrtclubs "Otto Lilienthal" e. V.. Die Stele wurde von der Firma TWM Faber, Limbach-Oberfrohna geschaffen und wurde durch zahlreiche private und institutionelle Spenden ermöglicht. Die Enthüllung erfolgte in Anwesenheit von Dr.-Ing. Holger Friehmelt (Vorstand Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt Lilienthal - Oberth e. V.), Hans-Joachim Ganthe (Präsidialgeschäftsführer Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie e.V.), MinDir Dr. Wolfgang Günther (Beauftragter für die Koordinierung der Deutschen Luft- und Raumfahrt der Bundesregierung), Dr. Wolfgang Lilienthal (Urenkel Otto Lilienthals) und zahlreicher weiterer Gäste.

Festrede zur Einweihung des Denkmals

gehalten durch Dr. Bernd Lukasch, Otto-Lilienthal-Museum Anklam

Sehr geehrte Ehrengäste, liebe Familie Lilienthal [...] meine sehr geehrten Damen und Herren!

Genau acht Tage sind es noch, dann werden sich auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld über 1000 Aussteller aus über 40 Ländern zur Internationalen Luftfahrtausstellung ILA 2006 treffen. Dabei sein wird das größte Passagierflugzeug der Welt, der Airbus A380, nur eines der Highlights und Superlative aktueller Luftfahrt, die sich in Berlin ein Stelldichein geben.

Nur wenige Wochen alt ist die Entscheidung des Bundesverwaltungsge­richtes zum Bau des Flughafens Berlin-Brandenburg International. Von einem Wirtschaftsmotor für die Region, von 40 000 Arbeitsplätzen ist die Rede, der neue Flugplatz soll 22 Millionen Passagiere im Jahr abfertigen. 17 Millionen waren es auf den drei Berliner Flughäfen im Jahre 2005.

Bei soviel Euphorie und weitgehender politischer Einigkeit im Blick in die Zukunft kommt häufig der Blick zurück, in die Geschichte dieser Entwicklung sehr zu unrecht sehr viel zu kurz. Denn all diese Zukunft hat eine beachtenswerte Geschichte!

Am 17. Dezember des Jahres 2003 sprach der amerikanische Präsident auf einer Sanddüne an der Atlantikküste über den amerikanischen Traum. Der Anlass lag 100 Jahre zurück. Es war an der Stelle auf den Outer Banks vor der Küste von North Carolina wo im Dezember 1903 die Gebrüder Wright bei ihrem 4. und letzten Flug mit ihrem steuerbaren Motorflugzeug 255 Meter überwunden hatten. Eines der herausragenden, der singulären Ereignisse auf dem Weg zum Flugzeug von heute.

250 Meter — soweit allerdings war bereits 10 Jahre zuvor ein Mann geflogen, als dessen Schüler sich die Gebrüder Wright bezeichneten, den sie studierten und verehrten und auf dessen Ergebnissen sie aufbauten, der Berliner Ingenieur und Unternehmer Otto Lilienthal.

Sind die Orte, an denen die Gebrüder Wright Geschichte schrieben heute "National Monuments" und geradeazu Wallfahrtsorte, sind die Orte des Wirkens Lilienthals in Deutschland heute zwar kenntlich, aber weit entfernt von nationaler Aufmerksamkeit. Ein Ort, vielleicht der wichtigste, war gänzlich in Vergessenheit geraten. An diesem stehen wir heute. Hier in der Mitte Berlins wurde das erste Mal in der Geschichte ein Flugzeug in Serie gebaut und verkauft, in der Maschinenfabrik "Otto Lilienthal", Berlin, Köpeniker Straße 113.

Lilienthal, 1848 im vorpommerschen Anklam als erstes von 8 Kindern geboren und auch er Teil eines kreativen und gemeinsam agierenden Brüderpaares, begann seinen Berliner Weg zum erfolgreichen Unternehmer als fast mittelloser Schlafbursche, ohne eigenes Bett, als Student der Berliner Gewerbeakademie, der heutigen Technischen Universität. Erfolgreiche und erfolglose Patente, Anstellungen bei den bekannten Berliner Maschinenbauunternehmen Schwarzkopff und Hoppe führten schließlich zur eigenen Unternehmensgründung hier in der Köpenicker Straße, zunächst in der Nummer 110.

Die flugtechnische Kariere Lilienthals aber hatte schon in früher Jugend begonnen. Das Studium des Vogelflugs wurde zum Schlüssel zum Menschenflug. Besonders der Weißstorch, in der Umgebung seiner Heimatstadt zu Hause, stand an der Wiege seiner Experimente und der Erkenntnisse, die er in seinem Buch Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst niederlegte. Es erschien 1889 in der Gärtnerschen Verlagsbuchhandlung Berlin, Schöneberger Straße. In ihm sind die bis heute gültigen Grundlagen der Physik des Tragflügels niedergelegt. Das Buch schließt mit Kapitel 41: "Die Konstruktion der Flugapparate", einer Zusammenstellung der — Zitat — "Gesichtspunkte, [...] nach denen die Konstruktion der Flugapparate zu erfolgen hätte, wenn die in diesem Werke veröffentlichten Versuchsresultate berücksichtigt werden, und die demzufolge entwickelten Ansichten richtige sind."

Sie waren es in der Tat. Und es dauerte keine zwei Jahre, bis der Autor seine "Gesichtspunkte" selbst in die Tat umgesetzt hatte und nicht nur die ersten Meter fliegend überwinden konnte, sondern — und das ist das weitaus bedeutendere — sicher landen konnte, um zu einem neuen Flug zum Starplatz zurückzukehren. "Eine Flugmaschine zu erfinden bedeutet nichts, sie zu bauen schon mehr, sie zu probieren - alles" — dies ist das wohl bekannteste Lilienthal-Zitat, in viele Sprachen übersetzt. Nur — es ist nicht von Lilienthal. Es wurde ihm von dem Franzosen Ferber in den Mund gelegt. Der Flugpionier Ferber war es, der frühzeitig die Bedeutung der Arbeiten Lilienthals erkannte. "Den Tag des Jahres 1891," schrieb er, "als Lilienthal die ersten Meter in der Luft durchmessen hat, betrachte ich als den Tag, an dem die Menschheit fliegen gelernt hat." Ein anderer Satz Lilienthals ist ebenfalls weltbekannt: "Opfer müssen gebracht werden". Es sollen seine letzten Worte gewesen sein. Sie sind auf seinem Grab in Lichterfelde verewigt. Aber auch diesen Satz wird er nicht gesagt haben. Im Gegenteil: Er ging bei seinen Versuchen stets mit großer Vorsicht und Sicherheit vor. Fast genau ein Jahr vor seinem Unfalltod hat er Alois Wolfmüller, seinem bayrischen Flugzeugkunden den Hinweis mitgegeben: "Bedenken Sie bei allen Versuchen, dass Sie nur ein Genick zu zerbrechen haben."

Das Flugzeug war für Lilienthal mehr als ein Geschäft, auch mehr als eine technische Leidenschaft.

Lilienthal hat uns zwei mit seinem "Flugzeug" verbundene Visionen hinterlassen: Visionen, die er lebte und zu verwirklichen suchte. Im Jahre 1894 schreibt er an den Reichstagskandidaten Moritz von Egidy: "Unser Kulturleben krankt daran, dass es sich nur an der Erdoberfläche abspielt. Die gegenseitige Absperrung der Länder, der Zollzwang und die Verkehrserschwerung ist nur dadurch möglich, dass wir nicht frei wie der Vogel auch das Luftreich beherrschen. Der freie, unbeschränkte Flug des Menschen [...] kann hierin Wandel schaffen und würde von tief einschneidender Wirkung auf all unsere Zustände sein." Das schreibt Lilienthal vor 112 Jahren, angesichts von 250 Metern, die er in der Lage ist, fliegend zu überwinden. "Ich habe mir", so schreibt er, "die Beschaffung eines Kulturelementes zur Lebensaufgabe gemacht, welches Länder verbindend und Völker versöhnend wirken soll." So vollständig wie sich Lilienthals Vision vom weltumspannenden Luftverkehr verwirklicht hat, so global gescheitert ist seine zweite Vision: "Die Landesverteidigung," prophezeit er, "weil zur Unmöglichkeit geworden, würde aufhören, die besten Kräfte der Staaten zu verschlingen, und das zwingende Bedürfnis, die Streitigkeiten der Nationen auf andere Weise zu schlichten [...] würde uns den ewigen Frieden verschaffen." 112 Jahre Geschichte haben diese Vision Lügen gestraft.

Aber nicht nur auf flugtechnischem Gebiet setzte Lilienthal auf Visionen.

1890 führt er hier, in seinem Unternehmen, die 25%-ige Gewinnbeteiligung seiner Arbeiter ein. In seiner Neujahrsansprache 2006 hat der Bundespräsident diese als Instrument wirtschaftlicher und sozialer Verantwortung vorgeschlagen. Vor 115 Jahren wurde sie an dieser Stelle für viele Jahre erfolgreich eingeführt.

In der Etage über der Maschinenfabrik wurden kurze Zeit Gustav Lilienthals Baukästen aus Stein und Holz hergestellt. Sie sind später in unzähligen Varianten als Anker-, Stabil-, Trix-, Lego- oder Fischerbaukästen weltberühmt geworden und kaum noch mit dem Namen Lilienthal verbunden.

Nur wenige einhundert Meter, auf dem anderen Spreeufer befand sich das Ostend-Theater, von Lilienthal zum "Nationaltheater" und zu einer "Volksbühne" gemacht. Kunst und Kultur gehören zum Leben, auch für seine Arbeiter, so meinte er. Für 10 und 20 Pfennige muss auch für sie ein Theaterbesuch erschwinglich sein. 1896 hat sein eigenes Theaterstück "Moderne Raubritter" Premiere. Im ersten Akt lässt er seinen Protagonisten, und offensichtliches Alter Ego sagen: "25 bis 30 Mark muss ein eingeübter zuverlässiger Arbeiter [...] verdienen [...] und wenn ich diesen Verdienst meinen Arbeitern nicht verschaffen kann, dann danke ich dafür, Arbeitgeber zu sein." — Welch streitbar aktueller unternehmerischer Standpunkt.

Der Lebensnerv der Maschinenfabrik war eine — Zitat — "Kraftmaschine für das Kleingewerbe [...], so dass dadurch selbst der Handwerker befähigt wird, die wirksame Concurenz mit dem Großindustriellen einzugehen", der Lilienthalsche Kleinmotor, bestehend aus einem gefahrlosen Schlangenrohrkessel und einer Kleindampfmaschine.

Das wohl einzige erhaltene Maschinenbauprodukt der Fabrik, ist vor wenigen Monaten nach Deutschland zurückgekehrt. Es ist die Wanddampfmaschine Nr. 137 von 1889. Mindestens 320 Maschinen sind produziert worden. Aus der Flugzeug-Serienproduktion der Firma sind heute 4 Apparate erhalten, 9 Käufer sind uns bekannt. Vielleicht war auch ihre Zahl größer als wir heute wissen. Die erhaltenen Apparate sind heute die Inkunabeln der Luftfahrtgeschichte zwischen Washington und Moskau.

Keine Geringerer als Leonardo da Vinci, dessen verschiedene Luftfahrzeugentwürfe heute in Ausstellungen in aller Welt Erstaunen und Bewunderung hervorrufen, hat uns vor 500 Jahren folgende Vision hinterlassen: "Es wird seinen ersten Flug nehmen der große Vogel," so schreibt er, "vom Rücken des Hügels aus. Das Universum mit Verblüffung, alle Schriften mit seinem Ruhm füllend. Und ewige Glorie wird dem Ort wo er geboren". 3 Orte sind es, die um den Ruhm buhlen sollten, den Leonardo voraussagt. Der große Vogel, der Mensch, der als erster seine Schwingen ausbreitet und ins Tal fliegt wurde geboren in Anklam, unweit der Ostsee. Der Ort, der Hügel, an dem die Geburt des Menschenflugs stattfand, befindet sich im Brandenburgischen, bei Derwitz in der Nähe von Potsdam oder bei Stölln, in der Nähe von Rathenow oder auch in Lichterfelde, auch das damals noch außerhalb von Berlin gelegen. Verstehen wir unter dem "Großen Vogel" aber das technische Produkt Flugzeug, gebaut, erprobt, weiterentwickelt und als ausgereifte Konstruktion der Öffentlichkeit übergeben und zur Nachnutzung angeboten, dann stehen wir jetzt genau an diesem Ort, von dem Leonardo sagt, ihm gebühre ewiger Ruhm:

1895 finden wir in Moedebecks Handbuch für Luftschiffer folgende ganzseitige Anzeige: "Segelapparate zum Erlernen des persönlichen Kunstfluges liefert die Maschinenfabrik Otto Lilienthal in Berlin, Köpenicker Straße." Das erste Mal in der Geschichte war ein Luftfahrtgerät schwerer als Luft, von seinem Konstrukteur Flugzeug genannt, in Serie produziert und in verschiedene Länder verkauft worden.

Ungezählt sind die Veröffentlichungen über Lilienthal. In vielen dieser Publikationen findet sich der Satz: "An die Maschinenfabrik in der Köpenicker Straße erinnert heute nichts mehr." Dieser Satz stimmt ab heute nicht mehr. Dafür sei den Initiatoren um Dr. Grenzdörfer und den Berlin-Brandenburgischen Luftfahrtclub sowie allen Beteiligten außerordentlich gedankt.

Berlin ist die Stadt, aus der das Flugzeug kommt. Aber nur wenige Berliner wissen es. Möge dieses Denkmal helfen, dass sie es erfahren. Und möge es stolz künden von einem Berliner, der Geschichte geschrieben hat, der Visionär war und Praktiker, Techniker und Kunstmäzen, Unternehmer und Sozialreformer, der sich in die Herzen seiner Angestellten ebenso geschrieben hat, wie in die Weltgeschichte der Technik - und - der den Menschen Flügel gab: Otto Lilienthal, Gründer der gleichnamigen Maschinen- und Dampfkesselfabrik Berlin, Köpenicker Straße 110/113, die eben auch die erste Flugzeugfabrik der Welt war.

An diese außergewöhnliche Fabrik und ihren außergewöhnlichen Gründer soll dieses Denkmal in Zukunft erinnern, das damit seiner Bestimmung übergeben ist.

Ich danke Ihnen sehr herzlich.