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(in ähnlicher Form veröffentlicht in:
"Erfunden - Vergessen - Bewahrt? Bedeutende Erfindungen aus Mecklenburg und Vorpommern", Rostock, 2000)

Der andere Lilienthal

das vielseitige Leben Gustav Lilienthals (1849 — 1933)

Bernd Lukasch

 

FotoSpricht man über Gustav Lilienthal, ist man versucht, den Vornamen zu betonen, um deutlich zu sagen: Nein, diesmal nicht Otto! Der jüngere Bruder des weltbekannten Flugpioniers steht bis heute im Schatten des großen Namens seines großen Bruders. Geboren am 9. Oktober 1849 in Anklam, ein gutes Jahr nach Otto hat er seinen Bruder um fast 40 Jahre überlebt. Sein Grab ist, wie das seines Bruders, Ehrengrab der Stadt Berlin. Er starb, am 1. Februar 1933, im Alter von 83 Jahren auf dem Weg zum Flugplatz Berlin Adlershof, auf dem Weg zu der Tätigkeit, die die letzten Jahre seines Lebens ganz bestimmte.

 

In hohem Alter hatte Gustav Lilienthal die Arbeiten am vogelgleichen Menschenflug dort wieder aufgenommen, wo die Brüder in ihrer Jugend gemeinsam begonnen hatten und wo die Entwicklung nach dem Tod Otto Lilienthals 1896 nach Gustav Lilienthals Meinung eine falsche Richtung genommen hatte. Und so baute er über 80-jährig, auf den Flugplätzen Berlin-Adlershof und Berlin-Tempelhof, die inzwischen städtische Großflughäfen geworden waren, an seinem riesigen Flügelschlagflugzeug, das nie einen Meter vom Boden abgehoben hat. Eine tragisch-komische Biographie also im Schatten des Bruders?

 

FotoSchwingenflieger Gustav Lilienthals mit 3-PS-Motor auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof um 1927

 

Der Nachlass Gustav Lilienthals wird heute zum großen Teil im Landesarchiv Berlin bewahrt. Er umfasst umfangreiches Schrifttum und eine Kartensammlung — Schautafeln zu seinen zahlreichen flugtechnischen Vorträgen. Im Deutschen Technikmuseum Berlin befindet sich ein künstlicher Vogel, wie er für Versuche genutzt wurde und im Otto-Lilienthal-Museum in Anklam befinden sich die tragenden Teile des "großen Vogels" von 17,5 m Spannweite, die Reste der Versuchsstation Altwarp am Stettiner Haff, die Gustav Lilienthal ab 1914 betrieb. Viel umfangreicher sind seine Hinterlassenschaften auf anderen Gebieten: Villen und Fertigteilhäuser in und um Berlin, Musterbücher seiner Kunstgewerbeschule, Spielzeugpatente und Reformprojekte, die bis heute existieren. Dass in Gustav Lilienthal in der Vergangenheit häufig vor allem der "Auch-Flugpionier" gesehen wurde, liegt wohl daran, dass es sich um sein Alterswerk handelte, umgeben mit der Aura des nun schon weltberühmten Namens und dokumentiert mit einer großen Zahl von Veröffentlichungen, die er seit 1920 verfasste.

 

FotoSeine anderen und früheren Tätigkeitsfelder sind von Gustav Lilienthal kaum publiziert, obwohl die noch heute gegenständlichen Zeugnisse seines Wirkens hauptsächlich seine Profession als Baumeister betreffen: bis heute auffallende Villen in Berlin-Lichterfelde, die einfache, praktische Wohnanlage "Freie Scholle" im Norden Berlins, die Häuser in der Obstbaukolonie Eden. In der freien Scholle steht heute sein Denkmal, gesetzt aber nicht dem Baumeister oder Flugpionier, sondern dem Gründer und langjährigen Vorsitzenden der Genossenschaft. Die Kolonie "Eden" - der Name als Programm für das verwirklichte Paradies aus Lebensreform und Freilandbewegung - existiert ebenfalls noch heute. Und dann sind da noch die kurzlebigeren Bauwerke in Kinderzimmern: Bevor man dort aus Kunststoff baute, beherrschte der Anker-Steinbaukasten die Miniatur-Bauwelt. Dieser und eine große Zahl anderer Baukastensysteme und Spielgeräte gehen auf Erfindungen Gustav Lilienthals zurück. Teilweise sind sie auf Otto Lilienthal patentiert.

 

Wohnungsreform - Sozialreform - Lebensreform

Wo beginnt man dieses Leben zu erzählen? Wie setzt man die Kunstgewerbeschule neben die Obstbausiedlung Eden, die Obdachlosenbaracken in Lobetal neben Flügelschlagflugzeuge und die "Burgen von Lichterfelde", Häuser im englischen Tudor-Stil mit Zinnen und Türmchen? Vor dieser Frage standen die Mitarbeiter des Anklamer Museums, als sie 1999 eine Ausstellung zum 150. Geburtstag Gustav Lilienthals vorbereiten wollten. Was hielt dieses Leben (und was eine biographische Ausstellung) zusammen? Welcher rote Faden, der nicht nur eine chronologische Auflistung ist, lässt sich finden?

Zuerst war es ein Wort, ein auch heute viel ge- und missbrauchtes, das uns auf eine Spur führte: In der noch heute bestehenden Obstbaukolonie "Eden" in Oranienburg fuhren wir den "Freilandweg" entlang, "Freie Scholle" hieß die 1895 von Gustav Lilienthal gegründete Wohnungsbaugenossenschaft, Fliegen, frei wie der Vogel... . "Er war ein freier und humaner Weltbürger, und ebenso die seinen", lesen wir in den Lebenserinnerungen eines Mitarbeiters.

Welcher Art die Freiheit war, an der er arbeitete, fanden wir fast zufällig: In seinen Lebenserinnerungen schreibt der deutsche Arzt, Soziologe und Nationalökonom Franz Oppenheimer (1864 - 1943), 1919 erster Soziologieprofessor Deutschlands, später Dozent in Palästina, Japan und den USA, Gründer des "American Journal of Economics and Sociology" und akademischer Lehrer Ludwig Erhards, welcher sich nach dem Kriege für die Wiederauflage seiner durch die Nazis vernichteten Schriften einsetzte:
"Ich wurde überzeugter Sozialist - in Bezug auf das Ziel! Aber die sozialdemokratische, marxische Lösung des Problems war mir nicht überzeugend. ... Jedenfalls war mir die Konzeption dieses »Zukunftsstaates«, der das ganze Leben seiner Bürger von einer Zentralstelle aus beherrscht, im tiefsten Grunde meines Herzens zuwider, und ich suchte nach einer anderen Lösung. ... (Theodor) Hertzka hatte bekanntlich in seinem Roman »Freiland« das Gedankenbild eines neuartigen Sozialismus entworfen, der dem autoritären Sozialismus der Marxisten die Spitze bot; eine Gesellschaft, in der die rationelle Gleichheit ohne Verzicht auf die wirtschaftliche und bürgerliche Freiheit als erreicht geschildert wurde. Überall in Deutschland und Österreich hatten sich Gruppen junger Leute gebildet, die entschlossen waren, dieses Ideal zu verwirklichen. ... Außerdem gehörte z.B. noch der Miterfinder des ersten Flugzeuges, der Bruder Otto Lilienthals, Gustav, zu der Gruppe dieser »Freiländer«, wie sie sich nannten, und Otto selbst erschien des öfteren in ihren Sitzungen."

(Franz Oppenheimer: "Mein wissenschaftlicher Weg" , in Felix Meiner (Hg.): "Die Volkswirtschaftslehre der Gegenwart in Selbstdarstellung", Band 2, Leipzig 1929, S. 82)

Ein anderer wichtiger Hinweis findet sich in Gustav Lilienthals "Freier Scholle": Ihre erste Straße nannten die Siedler "Egidy-Straße". Dieser Name ist uns als Briefpartner des Bruders Otto bekannt: In einem der erhaltenen Briefe erläutert Otto Lilienthal seine Vision von der Völker verbindenden und Frieden stiftenden Wirkung seines Flugzeuges. Moritz von Egidy (1847 - 1898) hatte als junger sächsischer Offizier mit steiler Karriere in seiner Schrift "Ernste Gedanken" zu einem reformierten einigen Christentum der Tat aufgerufen. Seine sozialethische Schrift, gewissermaßen eine christliche Antwort auf die umfassende Unzufriedenheit mit den bestehen Verhältnissen, brachte ihm zu seiner völligen Überraschung die Entlassung, eine riesige Anhängerschaft aus verschiedensten politischen Kreisen, und die lebenslange Beobachtung durch die Geheimpolizei ein. 1898 stirbt er, nachdem er eine Vortragsreise trotz Erkrankung zu spät abgebrochen hatte. Eine der vielen Gedenkfeiern findet am 29. Januar 1899 im Concerthaus in der Leipzigerstraße in Berlin statt. Das Plakat zur Veranstaltung ist erhalten: Eine lange Namenliste bildet das "Comité der Gedächtnis-Feier". Gustav Lilienthal gehört dazu. Neben ihm bekannte Namen, wie der Wilhelm Liebknechts, ebenso Franz Oppenheimer, Baronin Berta v. Suttner, der Bodenreformer Adolf Damaschke und der Anarchist Gustav Landauer oder Prof. Wilhelm Förster, Astronom, Vorsitzender der Urania, und der Gesellschaft für Ethische Kultur, der atheistischen Entsprechung zur Egidy-Gesellschaft.

Wir hatten gesucht nach Häusern, nach Flugtechnik, nach Kunstgewerbe und Spielzeug und haben dabei etwas ganz anderes gefunden, das zum roten Faden durch das Leben Gustav Lilienthals taugte: Die Reformbewegung an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Sie war eine breite und vielschichtige Antwort auf die sich abzeichnenden Folgen der "neuen Zeit", der sich zuspitzenden ungelösten gesellschaftlichen und sozialen Probleme, der Folgen von Industrialisierung, Verstädterung und Verarmung. Reformbewegung, das hieß Bodenreform und Vegetarismus, hieß Friedensbewegung und Antialkoholismus, hieß Reformpädagogik und Freikörperkultur, hieß Jugendstil und Siedlungsbewegung, Genossenschaftswesen, Tierschutz, Sozialethik und Naturheilkunde, hieß Sozialismus und Pazifismus, Frauenbewegung und Wirtschaftsreform, hieß Naturschutz und Freigeldlehre. Viele der Ideen finden sich heute selbstverständlich in politischen Programmen, wie Ökologie, Liberalismus, Gleichberechtigung und Sozialstaat. Anderes ist zu unrecht fast vergessen wie Freigeld, Freiland, Schwundzins und natürliche Wirtschaftsordnung.

Dies war der gemeinsame Geist der Brüder Lilienthal, der sich in ganz unterschiedlichen Arbeiten und Berufen widerspiegelt und den Otto meint, wenn er über seinen so grundverschiedenen Bruder 1894, als ihre Lebenswege schon sehr unterschiedliche waren, schreibt: "Mein Bruder war und ist mein zweites ich". Es war die gemeinsame Idee, dass technischer Fortschritt, der nicht auf sozialen und gesellschaftlichen Fortschritt, auf Gerechtigkeit und humane Entfaltung aller Schichten der Gesellschaft zielt, diese Bezeichnung nicht verdient.

Heute, eine Jahrhundertwende später, erscheinen die Reformideen und Projekte überraschend, auch naiv, und doch auf eine ohnmächtige Weise aktuell und zeitgemäß. Das vergangene Jahrhundert ist eines gigantischer technischer Entwicklung, aber auch ihres ungezügelten Ge- und Missbrauchs geworden. Es ist das Jahrhundert des Flugzeugs, der Eroberung des Weltraums, der Bändigung des Atoms und der künstlichen Intelligenz geworden, aber auch das Jahrhundert von Auschwitz, Hiroshima und Tschernobyl. Gescheiterten totalen Gesellschaftsentwürfen stehen eher begrenzte soziale Fortschritte gegenüber. Die gelebten Ideen "Eden" und "freie Scholle" haben die Welt nicht verändert, aber sie haben stolz und geschichtsbewusst alle Umwälzungen das Jahrhunderts überlebt. Es ist diese Brücke ins Heute, die die Details im Leben Gustav Lilienthals erzählenswert erscheinen lässt: 1992 schreibt Rudolf Bahro (Regimekritiker in DDR und Bundesrepublik): "Wie unser Kulturentwurf gegenwärtig angelegt ist, nämlich von Grund auf und bis in nahezu alle institutionellen Konsequenzen "nimmersatt" (F. Schorlemmer), stört er unweigerlich das irdische Gleichgewicht und verhindert die weitere Entfaltung der menschlichen Wesenskräfte. ... Es bedarf jedenfalls ... einer Lebensreform." Bahro zieht den Schluss, dass staatliche Investitionen in Alternativprojekte sozialer Strukturpolitik wesentlich bedeutsamer wären als Milliarden, investiert in wissenschaftlich-technische Innovationen.

 

Die Kunstgewerbeschule

Der Famlie des Anklamer Tuchhändlers Gustav Lilienthal werden 8 Kindern geboren. 5 Kinder sterben in den ersten Lebensjahren. Gustav ist 11, sein Bruder Otto 12; als der Vater stirbt. Gustav wechselt vom Gymnasium an die Anklamer Realschule. Nach deren Abschluss geht er in Anklam in die Maurerlehre und arbeitet als Geselle. Mit finanzieller Hilfe der Verwandtschaft hat Otto inzwischen sein Studium an der Berliner Gewerbeakademie begonnen und holt den Bruder zu sich. Der schreibt sich 1869 als Student an der Berliner Bauakademie ein. Er verlässt diese 1870 und arbeitet in Prag und London, wo er auch der "Royal Aeronautical Society" beitritt, und nach seiner Rückkehr bei der städtischen Bauverwaltung Berlin. Es ist aber offenbar das Künstlerische und Kreative, das ihn am Baufach interessiert. 1877 verlässt er die offenbar ungeliebte Stellung, um als Künstler und Kunstpädagoge zu leben. Er gründet das "Institut für Kunstgewerbe und Kunststickerei", arbeitet für die "Schule der weiblichen Handarbeit" und den "Kindergarten" des Reformpädagogen Georgens. Eine umfangreiche Sammlung der kunstgewerblichen Tätigkeit Gustav Lilienthals befindet sich heute im Landesarchiv Berlin.

 

Fotosign. Entwurf Gustav Lilienthals, 1878

 

Der Begriff "Kunstgewerbe" hatte eine breitere Bedeutung als heute. Er entsteht in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Antwort auf den Konflikt zwischen Kunsthandwerk und Serienproduktion, um dem maschinellen Handwerk den Ruf des schlechten und billigen zu nehmen. Schinkel verfasst mit den "Vorbildern für Fabrikanten und Architekten" ein kunstgewerbliches Musterbuch, Semper die Analyse "Wissenschaft, Industrie und Kunst". Am ersten deutschen Kunstgewerbemuseum (Gropiusbau) entsteht eine staatliche Gewerbeschule. Diese staatlichen Schulen sind aber nach wie vor männlichen Schülern vorbehalten. Eine Bildungsreform schien überfällig. Gustav erhofft sich offenbar staatliche Unterstützung für sein Schulprojekt. In dieser Zeit entsteht auch der spätere Anker-Steinbaukasten. Er vereinigt drei der Hauptbetätigungsfelder Gustav Lilienthals: Kunstgewerbe, Architektur und pädagogisches Spielzeug. Die "Spielgaben" des Pädagogen Fröbel sollten mit dem realen Baustoff Stein verbunden werden und wirkliche Modell-Architektur gestatten. Die Idee sollte tatsächlich nicht nur die Kinderzimmer erobern. Zunächst waren eigene Versuche, den Baukasten zu vermarkten, aber wenig erfolgreich. Die Brüder - Otto ist vor allem was die technische Ausstattung zur Herstellung der Steine betrifft beteiligt - entschließen sich zum Verkauf an einen Interessenten. Der Käufer, Friedrich Adolf Richter aus Rudolstadt, meldet den künstlichen Sandstein zum Patent an. Richter macht "seine" Erfindung in den folgenden Jahren zum Anker-Steinbaukasten, der mit Preisen überhäuft, in über 40 Länder exportiert wird.

 

Fototaus einem Prospekt des Anker Steinbaukastens

 

Als staatliche Unterstützung für seine Kunstgewerbeschule ausbleibt und auch der Steinbaukasten nicht zum wirtschaftlichem Erfolg wird, plant Gustav mit seiner Schwester Marie die Auswanderung nach Brasilien. Auf Grund der dortigen Lage wird 1880 kurzfristig Australien ihr Reiseziel. Gustav wird Baumeister im englischen Staatsdienst in Melbourne. 5 Jahre später kehrt er nach Deutschland zurück, während Marie bis zu ihrem Tod in Neuseeland bleibt. Ein Grund für Gustavs Rückkehr ist scheinbar der Plan, die Steinproduktion mit einer veränderten Grundsubstanz, die patentiert wird, wieder aufzunehmen. Auf Reisen nach Paris, Brüssel und London beginnt Gustav Lilienthal mit dem Aufbau eines Vertriebsnetzes. Auch neue Ideen, z. B. wirklichkeitsnahe Dachsteine für die Miniaturhäuser, werden verwirklicht. Es kommt zum Rechtsstreit mit Richter. Hatte der lächerliche Erlös des Verkaufs des Steinbaukastens Gustav noch die Schiffspassage ermöglicht und Otto für den Grundstein seiner Maschinenfabrik gedient, verhindern beide Brüder nach der Niederlage in zweiter Instanz ihren völligen Ruin nur dadurch, dass sie wiederum neue Ideen und Produktionsanlagen in Zahlung geben können. Erst viel später wird auch der eigentliche Erfinder der Steine, Gustav Lilienthal, gewürdigt. Seit 1995 werden die Baukästen in Rudolstadt als perfekte Nachbildung nach Originalunterlagen wieder hergestellt.

 

Burgen und Baracken

Zahlreich und vielfältig sind die erhaltenen Bauten Lilienthals. Die bekanntesten sind die "Burgen von Lichterfelde", etwa 30 Villen im englischen Tudor-Stil, mit Zinnen und Türmchen. Als wären sie vergrößerte Bauten aus den Anker-Bausteinen, so sehen die Miniatur-Burgen in der Berliner Villen-Vorstadt aus. Die im ursprünglichen Stil erhaltenen oder restaurierten fallen auch heute noch auf den ersten Blick ins Auge.

 

FotoGustav Lilienthal's "Burgen", Berlin-Lichterfelde, Marthastraße 5

 

Verspielt und überladen, so mag ein erstes Urteil lauten, aber hinter der äußeren Erscheinung versteckt sich das genau gegenteilige Anliegen Lilienthals: "Das Vororthaus für eine Familie" heißt einer der wenigen nicht-flugtechnischen Artikel Lilienthals, in der die Idee der Lichterfelder Villen dargelegt ist. Die Häuser sind eher das Gegenteil von dem, wofür sie scheinen: Sie sind für große Zweckmäßigkeit entworfen und sehr sparsam in der Ausführung. Lichterfelde lag damals am Rande der städtischen Bebauung und noch außerhalb der Stadtgrenzen. Trotzdem sind die Grundstücke winzig und alle Verzierungen haben eine Funktion: In den Türmchen enden die Schornsteine und Lüftungsschächte und selbst die an einigen Häusern befindliche Zugbrücke zum Eingang überbrückt einen Graben, der erforderlich ist, um Tageslicht in das als Schlafzimmer genutzte Kellergeschoss gelangen zu lassen. "Weit auskragende Gesimse oder ein überstehendes Dach sind ein Luxus, den sich das Zinshaus wohl erlauben kann, das mit äusserster Sparsamkeit hergestellte Landhaus aber nicht; man muss daher zu anderen Schönheitsmitteln seine Zuflucht nehmen.", beschreibt er sein Anliegen. Ein bezahlbares Haus für die "unteren Schichten des Mittelstandes", das war sein Anliegen. Das erste, ein besonders kleines, bezog er selbst. Sein späteres Wohnhaus wird noch heute von seiner Enkeltochter bewohnt.

Welche Perspektive für ein Leben außerhalb von Mietskasernen gab es aber für die Schichten jenseits des Mittelstandes? Am 28. Mai 1893 wird in einem vegetarischen Restaurant in Berlin das Projekt "Eden" aus der Taufe gehoben: Der Aufbau einer Genossenschaft als gemeinnützige vegetarische Obstbaukolonie. Drei Bäume, im Dreieck angeordnet, bilden noch heute das Zeichen der Genossenschaft. Sie symbolisieren Lebensreform und Wirtschaftsreform auf dem Fundament der Bodenreform. Genossenschaftlicher Boden, eigene Vermarktung des Obstes, eigene Schul- und Kultureinrichtungen und der Aufbau eigener "Heimstätten", das waren die Grundlagen des Projekts. Die neuen Genossenschaftler wohnten zunächst in der "Spatzenburg" der Gemeinschaftsunterkunft der neuen Siedler, um sich selbst die eigene Heimstätte aufzubauen.

 

FotoAus Hohlblocksteinen gefertigtes Wohngebäude in "Eden"
Foto: Archiv gemeinnützige Obstbaukolonie Eden e. G.

 

Gustav Lilienthal entwickelte ein Verfahren zur Herstellung gegossener Großblock-Steine vor Ort, durch die Siedler selbst. Er ist Architekt und Baumeister für die Gemeinschaftsbauten und zahlreiche der Siedlungshäuser, die noch heute in Eden zu besichtigen sind. Offensichtlich bildet das Projekt Eden die Anregung für Lilienthals eigenes Genossenschaftsprojekt, die Siedlung "Freie Scholle", ebenfalls im Norden Berlins. Auch hier entwickelt er einen Haustyp aus Betonsteinen, die vor Ort hergestellt werden.

Noch tiefer auf der sozialen Leiter leben die Obdachlosen und Wanderarbeiter Berlins. Der "Brüder der Landstraße" nahmen sich die Anstalten in Hoffnungstal und Lobetal an, die der Theologe Friedrich von Bodelschwingh bei Bernau gründete, als er als Abgeordneter nach Berlin kam und mit den menschenunwürdigen Zuständen in den Berliner Obdachlosenunterkünften konfrontiert wurde, deren jährliche Übernachtungen nach Hunderttausenden zählten. Heute ist der "Saal Altlobetal" das Wahrzeichen der "Hoffnungstaler Anstalten Lobetal im Verbund der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel". Zu unserer Überraschung ist auch sein Bau mit Gustav Lilienthal verbunden. Die ehemalige Lazarus-Kapelle, eine Fachwerkkirche in der Gubener Straße in der Nähe des Berliner Ostbahnhofs, wurde dort abgetragen und in veränderter Form unter der Leitung Gustav Lilienthals weitgehend durch die Kolonisten in Lobetal wieder aufgebaut. Die ersten und eigentlichen Funktionsbauten in Hoffnungstal aber waren Schlafbaracken. Bodelschwinghs Formel "Arbeit statt Almosen" sah ein wenigstens durch Blenden getrenntes Bett, das sogenannte "Einzelstübchen" vor, mit der Verpflichtung, die Übernachtung durch eine Arbeitsleistung am folgenden Tag zu vergüten. Ein Abgeordnetenkollege empfiehlt Bodelschwingh Gustav Lilienthal: "Ich glaube kaum, dass ein anderer bei gleicher Güte der Lieferung eine feuer- und wetterfeste Baracke, die für 42 Personen reichlich Platz bietet, für den Preis von 9 500 M herstellt. ... Herr Lilienthal, der mir seit Jahren als ein für gemeinnützige Unternehmen lebhaft interessierter Herr bekannt ist, stellt für seine Person und leider auch für seine Familie die denkbar geringsten Ansprüche."

 

FotoTransportables Haus in "Terrast"-Bauweise

 

Lilienthal hatte ein Verfahren entwickelt, transportable Häuser aus künstlichen Steinplatten herzustellen. Unter dem Namen "Terrast-Baugesellschaft" werden verschiedene vorgefertigte Decken- und Wandelemente, auch für mehrstöckige Häuser angeboten. Die Häuser in Eden und Hoffnungstal werden neben anderen Referenzobjekte der Firma. "Häuser, zerlegbar und transportabel, Winter und Sommer bewohnbar.", heißt es auf dem Kopfbogen. In ähnlicher Vielfalt, mit der er Baukastensysteme im kleinen entwickelt, entwirft er Verfahren für Leicht- und Fertigteilbauten. Auch diese Bauform hat ihre Entsprechung in Miniatur: eines der Baukastenpatente ist der Modellbaukasten Lilienthals, der Vorläufer des "Stabilbaukastens".

 

FotoGustav Lilienthals patentierter "Modellbaukasten", 1888, Vorläufer des Metall- oder Stabilbaukastens (Sammlung des Museums)

 

Man kann Lilienthal als Wegbereiter der Vorfertigung im Bauwesen bezeichnen. Aber auch auf diesem wohl wichtigsten seiner Tätigkeitsfelder blieb ihm größerer wirtschaftlicher Erfolg versagt. 1912, im Alter von 62 Jahren, versucht Lilienthal nochmals, mit der patentierten Leichtbauweise in Brasilien Fuß zu fassen. Auch dieser Versuch wird zum wirtschaftlichen Fehlschlag. Aber Lilienthal hat bereits mit neuen Untersuchungen zum Vogelflug begonnen. Dies wird nach seiner Rückkehr noch über 20 Jahre sein Lebensinhalt. Seine Arbeiten zum Flügelschlag und zur Nutzung des natürlichen Windes sind umfangreich und werden, nachdem der Flügelschlag bis heute keine technische Umsetzung erfuhr, als Irrweg bezeichnet. Lilienthal selbst hat eine treffendere Einschätzung geliefert:

"Man hat mich in flugtechnischen Kreisen gelegentlich einen Naturschwärmer genannt. Ich sehe hierin keinen Vorwurf. Man müsste schon ziemlich stumpf sein, wenn man durch die wunderbare Wirkung einfachster Vorgänge, wie sie sich im Vogelflug offenbaren, sich nicht begeistern könnte."
("Der geheimnisvolle Vorwärtszug" in Zeitschrift für Flugtechnik und Motorluftschiffahrt, 1913)